Störung und Behausung

Jeannette Schnüttgen zeichnet Landschaften - Wald und Berge. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Sauerland, und jetzt gewinnt diese intensive Naturerfahrung an Bedeutung für die künstlerische Arbeit. Das Thema „Wald“ ist hoch aktuell in der zeitgenössischen Kunst, ob bei Peter Doig, Valéry Favre oder Johannes Alexander Kraut. Jeanette Schnüttgen setzt sich ganz eigenwillig mit dem Landschaftlichen auseinander: ihre Arbeiten führen das ungeordnet Kraftvolle der Natur mit schematisierten Gestalten aus der Tierwelt zusammen.

Heftige, gestische Graphitschraffuren machen das Raue, Gewaltige, Unberechenbare deutlich. Der Orkan „Kyrill“ vom Januar letzen Jahres hat Jeannette Schnüttgen tief beeindruckt. Dagegen treten flächig aufgefasste Wölfe, Hasen oder Greifvögel, die aus einer heilen, kindlichen oder märchenhaften Welt zu stammen scheinen. Sie stören die Bewegung durch Statik und der Kontrast verstärkt die Wirkung beider Bereiche.

Zentral für die unverwechselbare Wirkung von Jeannette Schnüttgens Zeichnungen ist der Einsatz unterschiedlicher Materialien: weiche Graphitblöcke, harte Bleistifte, der als Zeicheninstrument genutzte Radiergummi, Kohle, Aquarell, die zart rötlich-violette Bister-Tusche, Goldspray und Buntstifte finden sich in unterschiedlichen Kombinationen. Arbeitsspuren, Frottagepartien und bewusstes Finger-Wischen sind zu sehen. Häufig ist eine höchst komplexe Mischung aus Fläche, volumenhafter Gestik und Linearem zu beobachten. Schärfe trifft auf weiche Randbereiche. Die Farbigkeit entwickelt sich aus unterschiedlichen Schwarztönen, von tief-sattem Schwarz der Kohle, silbrigem Bleistift oder grauen Radierzonen, manchmal mit wenig Rot versetzt. Dies gelingt besonders befremdlich-süßlich in der Baumstamm-Streifung und den dahinter angebrachten Baumpilzen, Quallen oder Ufos.

Sowohl die zeichnerische Vorgehensweise als auch die Raumauffassung sind eigenwillig und überzeugend. Jeannette Schnüttgen verwendet Schablonen, die ihren dynamischen Strich auf einer Seite scharf abbrechen lassen. Gestisch streicht sie über Ausgestanztes oder Papiertiere hinweg. Dieses Stilmittel führt zu notwendiger Brüchigkeit und Verstörung. Die bedrohlich, massive Natur wird kultiviert und erhält ironische Distanz. Zusätzlich durchbricht die Raumdarstellung klassische Vorstellungen: Jeannette Schnüttgen dreht ihre Blätter, nimmt mit dem Radiergummi ein Objekt weg und setzt frei ein anderes darüber oder schichtet den Hintergrund über vorne Befindliches. Künstlerischer Witz wird auch darin sichtbar, dass die Tiere zu Ornamenten oder Mustern mutieren. Einige Male setzt die Zeichnerin die Idee des kindlichen Malbuches ein – lineare Formen werden sorgfältig ausgefüllt.

In den plastischen Arbeiten Jeannette Schnüttgens ergeben Anordnungen von formal ähnlichen Objekten landschaftliche Assoziationen. Organisches, Gefäßhaftes, wenn auch im Material oft künstlich und grell farbig, setzt sich ebenfalls mit Natur auseinander. Es bestehen also vielfältige Wechselwirkungen im zeichnerischen und installativen Werk von Jeannette Schnüttgen. Beide Bereiche zeigen Intensität, Humor und die existentielle Suche nach Behausung.

Bettina van Haaren